„Ich wuchs in Charleston auf. Das ist eine sehr elegante, stolze Südstaaten-Stadt, einfach eine hinreißende Stadt. Ich muss aber betonen, dass es schon etwas heißt, in Charleston auf eine reine Mädchenschule gegangen zu sein. Das ist definitiv härter als Wall Street. Sie haben nicht die leiseste Ahnung, was es heißt, in einer Mädchenklasse zu sitzen. Ich hatte dicken Brillengläser, eine Zahnspange und orthopädische Schuhe. Ich war halb jüdisch und halb WASP (White Anglo-Saxon Protestant). Mehr Außenseiter ging nicht. Als ich in den 80ern bei Salomon Brothers als erste Frau in einer Männerwelt anfing, konnte nichts Schlimmeres kommen – nichts Schlimmeres im Vergleich zur siebte Klasse in Charleston.“

 

Das Mädchen aus der siebten Klasse ist Sallie Krawcheck. 2002 wurde sie von der Times in der Liste der „Global Influentials“ gelistet und Fortune führte sie unter den „Most Influential Persons Under the Age of 40“. Krawcheck war damals CEO von Smith Barney, einer Citibank-Tochter und als erste Frau an der Wall Street übernahm sie  die Verantwortung für über 13.000 Banker und Analysten. Zwei Jahre später wurde Sie CFO der Citibank und vom Forbes Magazin in die Liste der „100 most powerful women“ aufgenommen. 2005 und 2006 zählte sie zu den zehn mächtigsten Frauen der Welt. Das Mädchen aus Charleston, das einst dicke Brille, Spange und Schuheinlagen getragen hatte.

 

Die Geschichte stammt von Geoffrey Colvin, der Sally Krawcheck 2006 für das FORTUNE Magazin interviewte. Und Krawcheck sollte ihre Geschichte vom kleinen Außenseiter-Mädchen aus Charleston, das in einer Mädchenklasse auf die Härten des Lebens vorbereitet wurde, immer wieder wiederholen.

 

Diese kleine Anekdote ist das, was Personalberater „Signature Story“ nennen. Ähnlich wie die Unterschrift („Signature“) eines Menschen, ist eine „Signature Story“ einzigartig und nicht kopierbar. Und ähnlich wie Graphologen an die Aussagekraft einer Unterschrift glauben, so sagt auch so eine kleine Geschichte etwas aus über die Person, die sie erzählt.

 

Über Sally Krawcheck lernen wir eine ganze Menge in dieser kleinen Story. Sie stammt aus dem Süden der USA, was für manchen Amerikaner schon aussagekräftig genug sein sollte. Charleston ist eine Stadt mit Tradition. Viele Bauten der Stadt sind original im Greek-Revival-Stil des 19. Jahrhunderts erhalten, kaum eine amerikanische Stadt konnte ihr Stadtbild so bewahren, wie Charleston, das um 1690 der größte Umschlagplatz des Sklavenhandels war.

 

Als Sally Krawcheck 2006 ihre Geschichte im Interview mit Geoffrey Colvin erzählt, ist Charleston unter den zehn gefährlichsten Städten der USA. Auf 100.000 Einwohner kommen über 800 Gewaltverbrechen. Krawcheck steht also bewusst zu ihrer traditionellen und auch rauen Herkunft und macht dem Zuhörer von vornherein klar: nichts kann mich erschrecken. Und mehr noch. Sie weiß sich durchzusetzen. Denn auch wenn nur die wenigsten der Zuhörer und Leser eine reine Mädchenklasse selbst erfahren haben, klischeehafte Vorstellungen reichen aus, um sich in die Lage zu versetzen und zu verstehen, wie schwer es für ein hässliches Mädchen in so eine Klasse sein mag. Aber sie hat es geschafft. Aus dem hässlichen Entlein mit Brille, Spange und klobigen Schuhen ist ein schöner Schwan geworden. Cinderella lässt grüßen und auch der Mythos des amerikanischen Traums, das allgegenwärtige amerikanische Ur-Motto: You can do it! Unerschrockenheit, Durchsetzungsvermögen und Macherqualitäten – das sind die Qualitäten, die uns Sally Krawcheck charmant mit einer kleinen Geschichte präsentiert – was will man mehr verlangen von dem CFO der damals größten Bank der Welt, der Citibank, und einer der zehnt mächtigsten Frauen der Welt.

 

Eine persönliche „Signature Story“ ist ein mächtiges Instrument. Denn anstatt die eigenen Charaktereigenschaften, Werte und Überzeugungen nach dem Motto „Was sind Ihre Stärken und Schwächen“ aufzuzählen, was oft banal oder auch arrogant wirken kann, wirkt eine Geschichte weit effizienter, da sie die Inhalte unterhaltsamer und merkfähiger vermittelt.

 

Die Großzügigkeit des Storytellers

 Doch Vorsicht, es geht nicht um irgendeinen Schwank aus dem Leben. Eine gute „Signature Story“ erfordert ein ganz besonderes Momentum gepaart mit emotionaler Tiefe. Hier geht es nicht darum „einfach mal eine Geschichte über sich“ zu erzählen. Anstatt irgendeine Geschichte zum Besten zu geben, geht es um den Wunsch: „Nehmen Sie mich mit zu einem Moment in Ihrem Leben, der Sie verändert hat“. „Signature Stories“ laden das Publikum ei zu einer Reise, eine Zeitreise. Diese Einladung durch den Redner ist eine offene, ehrliche und extrem großzügige Offerte. Denn es werden Einblicke in ein ganz persönliches Leben und deren Persönlichkeit gewährt. Es sind Einblicke, die selten und kostbar sind – und genau diese Art von Geschichten interessieren uns am meisten.

 

Viele glauben, dass gute Geschichten das Ergebnis spannender Dinge sind, die immer nur den anderen passieren – eben diesen Leuten, denen immer spannende Sachen passieren. Aber im Leben normaler Leute, da passieren solche Dinge eigentlich nie. Also haben „normale Menschen“ auch keine interessanten Geschichten zu erzählen.

 

Eine falsche Annahme. Menschen, die viele Geschichten erzählen, leben nicht unbedingt ein aufregenderes Leben. Sie sind nur bereit, großzügig von ihrem Leben mit all seinen täglichen Schwierigkeiten zu berichten. Und sie tun dies auf eine unterhaltsame Art und Weise.

Großzügigkeit ist unter Storytellern eine weitverbreitete Eigenschaft, so Filmproduzent Peter Gruber, der fest daran glaubt, dass sich das Prinzip des Storytellings der Unterhaltungsindustrie auch auf Unternehmenskommunikation übertragen lässt:

 

“It demands generosity on the part of the storyteller. Why? Because it often requires being vulnerable – a challenge for many leaders, managers, salespeople, and entrepreneurs. By willingly exposing anxieties, fears, and shortcomings, the storyteller allows the audience to identify with her and therefore brings listeners to a place of understanding and catharsis, and ultimately spurs action.” (“Auf Seiten des Storytellers ist Großzügigkeit absolut erforderlich. Warum? Weil Verletzlichkeit so oft entscheidend ist – für viele Führungskräfte, Manager, Vertriebsleute und Unternehmer ein großes Problem. Doch durch das bewusste Ansprechen von Sorgen, Ängsten und Defiziten erreicht der Storyteller, dass man sich mit ihm oder ihr identifiziert. Nur das öffnet den Raum des Verstehens, der Katharsis und setzt letztendlich Aktion in Gang.“)

Startpunkte Ihrer Signature Story

Seien Sie also großzügig bei Ihrer Signature Story und nehmen Sie Ihr Publikum mit auf die Reise. 

 

 

---- Dies ist ein Auszug des neuen Buches von Petra Sammer: "What´s your Story?", das im Frühjahr 2019 bei O´Reilly erscheinen wird.